Vorwort

Ehsan Khatibi, Künstlerische Leitung © Farhad Ilaghi Hosseini

Liebe Freund:innen der zeitgenössischen Musik, liebes Publikum,

»Was sind das für Zeiten?«, schrieb Bertolt Brecht 1934 in seinem Gedicht »An die Nachgeborenen« und klagte an, dass ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen sei, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließe.

Was sind das für Zeiten, in denen wir leben? Wie könnte die Kunst – insbesondere die Musik – heute auf die Untaten unserer Zeit einwirken? Kann überhaupt das Nicht-Schweigen, oder vielleicht ein lautes, aufforderndes Schweigen, jenseits einer Klangstruktur künstlerisch-musikalisch zum Ausdruck gebracht werden? Oder wäre das grundsätzlich unmöglich?

In diesem Spannungsfeld entfaltet das Musik 21 Festival 2026 sein Programm und lädt Sie ein, die folgende Debatte zu verfolgen.

Dialog zwischen Punkt, Doppelpunkt und Dreipunkt

Ein Gedankenaustausch mit interessierten Menschen

Leben wir in finsteren Zeiten?
Person AJa, eine Zeit von Krisen, Kriegen, Ängsten, Unsicherheiten, Gewalt, Gewalt … ohne Aussicht auf eine Zukunft.
Person BAch nein, so schlimm ist es auch nicht. Es gab schon schlimmere Zeiten. Zum Glück verdienen wir noch unseren Unterhalt und leben relativ im Wohlstand. Iss und trink, du! Sei froh, dass du hast!
Person Das ist aber nur ein Zufall, glaub mir. Wir sind zufällig verschont. Wenn unser Glück aussetzt, sind wir verloren.
Person BGlück heißt, weise zu sein. In den alten Büchern steht, was weise ist: Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit ohne Furcht verbringen. Auch ohne Gewalt auskommen. Böses mit Gutem vergelten. Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen.
Person AEin guter Witz. Alles das kann ich nicht. Das ist echt ein Unglück.
Person BMan soll nicht über so was lachen. Warum lachst du immer darüber?
Person ANichts ist komischer als das Unglück auf der Welt. Und wir lachten darüber, wir lachten darüber, aus vollem Herzen, im Anfang. Aber es ist immer dasselbe. Ja, es ist wie der gute Witz, der einem zu oft erzählt wird, man findet ihn immer gut, aber man lacht nicht mehr darüber.
Person BDu übertreibst. Schaffen. Das Schlüsselwort ist: Schaffen! In dieser Welt ist das Schaffen die einzige Chance, sein Bewusstsein aufrechtzuerhalten und dessen Abenteuer zu fixieren. Schaffen heißt zweimal leben.
Person ADas Schaffen ist die absurde Freude. Schaffen oder nicht schaffen - das ändert nichts. Die Kunst sollte den Offenbarungseid ablegen! Keine Hoffnung mehr. Wir sind gescheitert: Eine Elegie mit blöden Reimen. Was sind das für Zeiten!
Person BDu übertreibst. Der Hoffnung beraubt sein heißt noch nicht verzweifeln. Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.
Person AWas gibt es Schöneres als den Abgrund? Kaum etwas haben die Philosoph:innen so gefeiert wie den Abgrund. Und wie viele angesagte Abgründe haben wir nun schon überlebt? Den jüngsten Tag des Jahres 1000 … Das andere Tausendjährige Reich … Den Untergang des Abendlandes … Die Kalter-Krieg-Apokalypse der 80er Jahre … Und jetzt? Ist es diesmal die richtige Apokalypse? Der richtige Abgrund?
Person BDu hast mir diese Fragen millionenmal gestellt.
Person AIch liebe die alten Fragen.
Person BAh, die alten Fragen, die alten Antworten, da geht nichts drüber!
Person CSeid doch still, seid still, lasst mich doch schlafen. Sprecht leiser. … Wenn ich schlafen könnte! Ich würde vielleicht lieben. … In die Wälder gehen. … Sehen … den Himmel, die Erde! … Laufen! … Fliehen! Natur! … Natur!
(Pause)
Person BHast du gehört?
Person ASch… Nicht so laut!
(Pause)
Person BWird es diesmal klappen?
Person AEs wird klappen. Mach dir keine Sorgen.
Person BJa, es wird schon klappen. Es wird schon.
Verwendete Quellen:
Bertolt Brecht, An die Nachgeborenen
Samuel Beckett, Endspiel
Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos
Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse
Forugh Farrochsād, O du Land voller Juwelen
Peter Ablinger, Beitrag in: field notes, opposite editorial, Jan/Feb 2023


Ehsan Khatibi, Künstlerische Leitung